Aus der Reihe »Prominente zeigen ihre Heimat«

Er war der sechste Bundeskanzler der Bundesrepublik und wurde vier Mal hintereinander gewählt. Als »Kanzler der Einheit« schrieb er Geschichte: erst das Zehn-Punkte-Programm, danach der Zwei-plus-Vier-Vertrag, dann der Beschluss zur Einführung des Euros.

Helmut Kohl, der übrigens Ehrenbürger der Stadt Deidesheim ist, hat in der Politik viel erreicht. Nun kann er sich in seinem Rollstuhl zufrieden zurücklehnen. Uns zeigte er seine Heimatstadt Ludwigshafen und gewährte einen kleinen Einblick in sein Privatleben.

Als wir am Hauptbahnhof in Ludwigshafen ausstiegen, um Helmut Kohl zu treffen, konnten wir ihn zunächst nicht finden. Wir gingen den Bahnsteig entlang und suchten den hochgewachsenen Altkanzler. Dann entdeckten wir ihn etwa einen Meter tiefer als erwartet: Kohl stand in einem Rollstuhl sitzend neben einer Infotafel.

»Guten Tag, die Herrschaften«, begrüßte er uns. Wir schüttelten seine Hand, dann gingen wir los. »Ich zeige ihnen meine Stadt, meine sehr verehrten Herren«, sagte Kohl in seiner bekannten Art.

Wir stiegen in ein Taxi, das vor dem Bahnhof stand. Kohl fuhr in seinem Rollstuhl hinterher. Unser erstes Ziel war die Hohenzollernstraße in Friesenheim. Dort steht sein Geburtshaus.

Als wir ausstiegen, stand Kohl bereits auf dem Bürgersteig und wartete. »Die werten Herrschaften«, begrüßte er uns. Nach erneutem Händeschütteln gingen wir in das Mehrfamilienhaus. Mit dem Fahrstuhl fuhren wir in den dritten Stock und standen schließlich vor Kohls ehemaliger Wohnungstür.

Kohl klingelte zweimal. Wir hörten Schritte in der Wohnung, dann sahen wir, dass jemand durch den Türspion schaute. Kohl wartete nicht gerne und klingelte erneut, ließ aber diesmal den Finger auf dem Klingelknopf. Die Tür öffnete sich langsam. Eine junge Dame, geschätzte 25, stand im Türspalt. Der Blick des Altkanzlers fiel sofort auf das Piercing am Bauchnabel. Das gefiel ihm gar nicht und sein Ton wurde grob: »Ist dein Vater da, Kindchen?«, fragte er bestimmend. »Nein«, antwortete die junge Dame. »Dann schlage ich vor, wir verlassen diesen Ort«, bestimmte Kohl. Er wendete schwungvoll auf der eigenen Reifenachse und fuhr zügig Richtung Fahrstuhl.

Unser nächstes Ziel war die Eisdiele in der Altstadt, die wir ohne Taxi erreichten. »Hier gibt es das beste Eis«, erklärte er uns und rieb sich die Hände. Dabei geriet er ein wenig aus der Bahn, konnte aber noch rechtzeitig gegenlenken. Großzügig erklärte er: »Ich lade Sie ein, meine Herren!« Er fuhr an den Außentresen und bestellte sofort. »Dreimal Vanilleeis im Hörnchen. Und setzen Sie Sahne drauf!« Allerdings konnte der kleine Italiener Helmut Kohl über den Tresen hinweg nicht sehen. Der Rollstuhl war zu niedrig. Kohl rief erneut – diesmal energischer. Jetzt bemerkte ihn der Verkäufer und er bekam seine drei Eis. Zwei Waffelhörnchen klemmte er sich zwischen die Beine und drehte dann einhändig seinen Rollstuhl. Beim Wenden stieß der Altkanzler jedoch unabsichtlich gegen einen Wassernapf, der für die Hunde der Gäste aufgestellt worden war. Kohl bemerkte es zwar, ignorierte aber das Missgeschick und fuhr unberührt weiter.

Wir setzten uns in den Park. Neben uns wuchsen hohe Rosenbüsche. Kohl hatte nicht übertrieben: Das Eis schmeckte fantastisch.

Als wir weiterfahren wollten, kam Kohl nur schwer voran. Er drehte und drehte an den großen Rädern, doch viel zu langsam bewegte er sich. Schließlich sahen wir, dass sein linker Reifen platt war. »Das passiert mir öfter«, sagte er. »Da muss irgendwas mit dem Ventil nicht in Ordnung sein.« Er griff hinter sich in das Netz und suchte die Luftpumpe. Drei Minuten später war der Schaden behoben und wir konnten weiterfahren.

Wir waren Mitten im Gespräch, da machte Kohl plötzlich eine Vollbremsung. Die Rollstuhlreifen zitterten, roter Kiesel wirbelte durch die Luft. »Haben Sie das nicht gesehen?«, fragte er verärgert. »Da hätte ich fast ein kleines Tierchen überfahren. Aber ich bremse auch für Eichhörnchen.«

Am nächsten Tag erfuhren wir aus dem Mannheimer Morgen, dass ihm im Ebert-Park rasende Raben das Gesicht zerhackt hatten. Das Verhalten der Vögel sei unerklärlich, aber widerlich, hieß es in der Rubrik »Meinungen«. Wir hätten ihn nicht zurücklassen sollen.

(VÖ: Eulenspiegel, 2016)